„Die Aufmerksamkeit ist in unserer Gesellschaft auf Dinge und Signale gerichtet. Nur wenn wir uns davon lösen, können wir lernen, uns für das Atmosphärische zu öffnen“, so Gernot Böhme in einem Interview über das leibliche Erfahren von Architektur.*
Im KinderKunstLabor orientiert sich die Gesamtdramaturgie des Hauses an der Vielfalt der von den Kindern geäußerten Vorstellungen und Wünsche. Ihre Mitwirkung kann sich dabei auf die Mitauswahl von Skulpturen für den Park, der das KinderKunstLabor umgibt, beziehen, aber auch auf weniger „Greifbares“. So waren die Kinder der Beiratsklasse der Otto Glöckel Volksschule St. Pölten in das Ausstellungsprojekt dream.lab der Künstlerin Rivane Neuenschwander aus São Paulo einbezogen. Dort zeichneten die Kinder ihre Träume – beispielsweise auf ihre eigenen Kopfpolsterbezüge; eingestimmt durch verschiedene Field Recordings wie Regen oder Schritte im Schnee. Die Kinder waren zu dem Zeitpunkt, kurz vor der Eröffnung des Neubaus im Frühling 2024, in der ersten Klasse. Gefragt danach, was sie sich vom KinderKunstLabor wünschten, sagten sie nach einiger Bedenkzeit, „Es soll gut riechen.“ Möglicherweise wirkten dabei die Erfahrungen im dream.lab nach. Wie genau die Zusammenhänge sind, bleibt letztlich offen. Die Natur über olfaktorische Gestaltung in das Museum zu bringen, ist in jedem Fall einer ihrer überraschendsten Wünsche.
Zurück zur Situation in der Klasse: Auf die Nachfrage der Verfasserin, wonach das KinderKunstLabor denn riechen solle, antworteten mehrere der Kinder gleichzeitig, „Nach Wald!“ Im nächsten Schritt ging es daher zu einem Parfümeur, der Erfahrung mit Kunstprojekten hatte, etwa von Sissel Tolaas. Er stellte acht Duftproben zur Verfügung, von Kiefernnadeln, torfiger Erde, Fichte, Bergkiefer, frisch gemähtem Rasen, Gras, Regenwald und Wasserfall. Das Team des KinderKunstLabors besuchte die über 200 Kinder der Kinderbeiratsgruppen in ihren Kindergärten und Schulen mit diesen acht Duftproben, damit sie mitschnuppern und -entscheiden konnten. Der Duft des Wasserfalls war in den Gruppen durchgehend mit absoluter Mehrheit der Favorit. Bei der Hauseröffnung Ende Juni 2024 wurde dieser Duft daher zweimal täglich im noch nicht bespielten Ausstellungsraum über die Klimaanlage zusammen mit dichten Nebelschwaden verteilt – zur großen Freude der Kinder. Ein unglaublich frischer, fast süßer Geruch durchzog den Raum. Bei dem Gang vom Ausstellungsraum, wo der Duft am stärksten war, ins Treppenhaus, wurde so erst bewusst, dass Beton auch riecht und keineswegs „neutral“ ist: Je größer die Distanz zum Ausstellungsraum im 1. Stock, desto stärker stieg ein etwas muffiger, staubiger, „grauer“ Geruch in die Nase. Die Kinder haben mit ihrem Wunsch, dass es gut riechen solle, einmal mehr gezeigt, dass Kulturinstitutionen in ihrer Planung und Programmierung unweigerlich blinde Flecken haben – hier einen „Duft-Bias“, der sich erst durch diesen Eingriff überhaupt reflektieren ließ. Eine angenehme Atmosphäre entsteht über alle Sinne: Neben dem Sichtbaren prägen das Hören, Riechen, Tasten und Schmecken besonders stark, wie es sich an einem Ort anfühlt.
*Gernot BÖHME (o. J.). Atmosphären sind nicht subjektiv.
Interview: https://www.beton.org/betonbau/architektur/betonprisma/rubriken/position/atmosphaeren-sind-nicht-subjektiv/